Zeitungsartikel 2005

Presseberichte 2005

Putzmunterer Ozzy Osbourne beim Roskilde-Festival

Roskilde (dpa) – Mit einem verblüffend munteren Ozzy Osbourne, vier Tagen Sonnenschein sowie den direkt von Live 8 eingeflogenen US-Stars Green Day und Brian Wilson hat das dänische Roskilde seinen Ruf als Europas freundlichstes Rockfestival untermauert. Alles in allem knapp 100 000 Besucher erlebten die 35. Ausgabe des traditionsreichsten europäischen Rockfestes so ungewöhnlich entspannt, dass selbst die Polizei ins Staunen kam: «So wenig haben wir fast noch nie zu tun gehabt.»
Auch Green Days Sänger Billie Joe Armstrong schmeichelte den Fans auf dem fast schon legendären Festivalplatz westlich von Kopenhagen: «Vor ein paar Stunden waren wir bei Live 8 in Berlin. Aber hier in Roskilde ist es echt am schönsten.» Ähnliche Komplimente macht der Punkrocker sicher jedem Publikum. Aber Roskilde strahlte in diesem Jahr – nicht nur wegen der für den Norden ungewöhnlich starken Sonne – tatsächlich Superwärme aus.
Die schien auch Ozzy Osbourne (57) zu beflügeln. Putzmunter, wenn auch mit nicht mehr ganz taufrischer Stimme, absolvierte der Veteran des Heavy Metal mit Black Sabbath sein Konzert. Viele, die in Kenntnis der merkwürdigen MTV-Serie über das Privatleben der Familie Osbourne eine Art Leichenfledderei oder Freakshow befürchtet oder erhofft hatten, machten sich nun so ihre Gedanken: Ob Ozzy vielleicht im Fernsehen den durch Alkohol und andere Drogen völlig um den Verstand Gekommenen nur gespielt hat?
Green Day, Snoop Dogg, Audioslave, die Foo Fighters und Flogging Molly setzten die «moderneren» Akzente bei einem Festival fast ohne traditionelle, am Blues orientierte Rockmusik. Wie immer gab Roskilde bei den insgesamt 130 Konzerten auch vielen Unbekannten und experimentell arbeitenden Musikern eine Bühne. Geheimtipp dieses Jahres: Ikseltaschel, heimische Hipphopper mit eigener Sprache, viel Witz und ausgeprägter Musikalität.
Als nichtmusikalischer Hit für die Besucher erwies sich an diesem Wochenende wieder der zum siebten Mal organisierte «Wettlauf für ganz Nackte». Zur Begeisterung der Pressefotografen erstmals auch mit weiblichen Teilnehmern. Wie die Faust aufs Auge zur diesjährigen Roskilde-Stimmung passte die halb gutmütig, halb wehmütig von einem schon etwas bejahrten männlichen Zuschauer gebrummelte Erinnerung an sein erstes Roskilde-Festival zu seligen Hippie-Zeiten: «Gesonderte Wettläufe für Nackte wären ganz und gar überflüssig gewesen.»

Quelle: dpa – Thomas Borchert – 4. Juli 2005

Superwetter und Streit beim Roskilde-Festival

Roskilde (dpa) – Traumhaftes Sommerwetter, noch verfügbare Tickets und gleich heftiger Streit um das Programm: Das traditionsreichste europäische

Rockfestival im dänischen Roskilde hat für die Veranstalter am Donnerstag mit gemischten Gefühlen begonnen. Noch knapp 10 000 der 75 000 Dauerkarten für alle vier Tage mit Ozzy Osbourne und Black Sabbath, Brian Wilson, Green Day und den Foo Fighters waren am Eröffnungstag zu haben. «Das schlechte Wetter im letzten Jahr hat die Leute zögern lassen, aber sie werden kommen», meinte Festivalsprecher Esben Danielsen zur 35. Ausgabe des Festivals.Unter den alles in allem wahrscheinlich mehr als 100 000 Besuchern erwartet die Festivalleitung in diesem Jahr wiederum nur 3000 deutsche Besucher. Das ist nur noch ein Bruchteil des früher gewohnten Ansturms von der anderen Seite der Ostsee. So populär Roskilde mit seiner entspannt-freundlichen und wenig kommerziell wirkenden Stimmung in Deutschland auch immer noch ist, geht doch vielen Fans ganz einfach finanziell die Puste aus bei einem Ticketpreis von 1200 Kronen (160 Euro) und in Dänemark ja immer saftigen Preisen für das «Festival-Grundnahrungsmittel» Bier.Ob die 150 Bands auf sieben Bühnen das viele Geld diesmal auch wirklich wert sind, war unter Besuchern und Musikexperten zum Auftakt schon ein heiß umstrittenes Thema.

«Roskilde pennt» kritisierte die Kopenhagener Zeitung «Berlingske Tidende» ein nach ihrer Ansicht erschreckend dünnes und perspektivloses Programm. «Kann es wirklich angehen, dass der alte Beach Boy Brian Wilson zusammen mit einer sehr fragwürdigen Wiedervereinigung von Black Sabbath die einzigen Ikonen von Roskilde sein sollen?» fragte der Kritiker und tat die ebenfalls verpflichteten Foo Fighters sowie Green Day als «Teenagernamen» ab. Snoop Dog zählte für ihn ebenso wenig wie Duran Duran«Politiken» dagegen findet die Mischung dieses Jahres mit vielen vielleicht nicht weltberühmten, dafür aber umso interessanteren Namen höchst stilsicher: «Die Balance zwischen dem Erprobten und den Experimenten stimmt.» Die immer gigantischeren Gagen für absolute Top-Acts würden es dem Veranstalter ja auch immer schwerer machen. Tatsächlich konnten sie denn auch für den ersten Tag nicht wie traditionell üblich einen «Knaller» für alle anbieten. Die Garagenrock-Veteranen von Sonic Youth aus den USA als bekannteste Band am Eröffnungstag fielen für die jüngeren Festivalbesucher ganz bestimmt nicht in diese Kategorie. www.roskilde-festival.dk

Quelle: dpa – Thomas Borchert – 4. Juli 2005
Grauhaarige stürmen Roskilde-Festival
Freier Eintritt für alle jenseits 50

Sie waren schon vor einem Vierteljahrhundert dabei, und jetzt wollen sie der Jugend wieder einmal zeigen, wie man Musikgenuss mit gehörigem Bierkonsum kombiniert. Das Rockfestival im dänischen Roskilde bereitet sich auf eine Invasion der Grauhaarigen vor.

HB ROSKILDE. Zum Abschluss beim traditionsreichsten europäischen Rockfestival haben am Sonntag alle jenseits der 50 freien Eintritt. Rund 15 000 jung gebliebene, wenn auch äußerlich „gereifte“ Rockfans sind in den vergangenen Jahren auf den Festivalplatz gepilgert, um Kindern und Enkeln Gesellschaft zu leisten. Viele von ihnen waren schon dabei, als Ian Dury mit seinen Blockheads 1981 von der orangenen Riesenbühne sang, worum es bei derlei Veranstaltungen nun mal für die meisten geht: „Sex and Drugs and Rock’n'Roll“. Inzwischen werben die Roskilde-Veranstalter politisch superkorrekt dafür, das man die Finger von Haschisch und allen härteren Drogen lassen soll. Bleibt das Bier, das in Roskilde nicht als legale „weiche Droge“, sondern eher als eine Art Grundnahrungsmittel oder Einheitswährung gilt. Hier, so der optische Eindruck, können viele Ältere den Jugendlichen doch noch irgendwie zeigen, was eine Harke ist. In Roskilde gehört es jedenfalls fast zum guten Ton, permanent mit angewinkeltem Arm und Bier gefülltem Plastikbecher in der Hand zu schlendern. Die erfahrenen Festivalsenioren beherrschen das deutlich eleganter, routinierter und gelassener als die nachdrängende Jugend.

Erotische Versuchungen
Naturgemäß etwas weniger erfreulich für die reiferen Damen und älteren Herren wird wohl die vergleichende Betrachtung zum Festival- Thema Sex ausfallen. Etwa 50 000 junge Leute zwischen 16 und 26 werden am Sonntag schon knapp eine Woche auf dem gigantischen Roskilde-Campingplatz hinter sich heben. Gigantisch sind dort sicher auch die erotischen Verlockungen, die für die älteren Tagesbesucher am Sonntag vermutlich nicht mehr als ein ferner Traum sein können. Trösten mag sie der Gedanke, dass die eigenen Kinder jetzt dran sind, ihren Spaß zu haben. Und der erfreuliche Anblick unglaublich vieler schöner junger Leute mit unglaublich freundlichen Gesichtern. Umgekehrt freuen sich ja vielleicht Jüngere sogar aufs Älterwerden, wenn sie ihre eigenen oder andere Eltern quietschvergnügt, entspannt und mitunter sogar Händchen haltend im Publikum erspähen – trotz grauer Haare und Bauchansatz. Bleibt die Musik. Klassischer Rock ist Mangelware geworden auf den sechs Roskilde-Bühnen mit insgesamt 130 Bands. Unvoreingenommenheit hilft da sehr, wenn zum Beispiel die fantastische dänische HipHopband „Ikscheltaschel“ in ihrer selbst erdachten Sprache, einer dadaistischen Mischung aus Flämisch, Deutsch und allem Möglichen, loslegt: „Getaufel ischel progologo“. Vertrauter wäre den auf die Rente Zumarschierenden vielleicht der Text von „Paranoid“ aus Zeiten, als die eigenen Haare noch lang und reichlich vorhanden waren. Aber Heavy-Veteran Ozzy Osborne (57) und Black Sabbath als Topstars dieses 35. Festivals sind am Sonntag längst wieder abgezogen. Dafür kann man sich auf den 63-jährigen Brian Wilson freuen. Zwar hat der ehemalige Beach Boy nicht den bei heimischen Grillpartys so gern gedudelten Sommerhit „Kokomo“ auf dem Programm. Aber mit Hits wie „Surfer Girl“, „God Only Knows“ und „Barbara Ann“ dürften sich Rock-Nostalgiker auch gut bedient fühlen.

Quelle: Handelsblatt – 2. Juli 2005

Heißes Gummi ohne Stiefel

Über die Großspurhelferlein von Live 8 kann man im dänischen Roskilde nur lachen: Hier wird Jahr für Jahr allein für den guten Zweck musiziert. Wenn dann noch die Sonne dauernd scheint und Bands wie Bright Eyes, Sonic Youth und Chic spielen, ist auch die Liebe zu diesem Festival dauerhaft groß
Die Ladung Gummistiefel, die der Haushaltswarenladen in der Fußgängerzone von Roskilde abends vor dem Festival noch in seinen Laden räumte, waren eine Fehlinvestition. So wie es im letzten Jahr nicht aufhören wollte zu regnen, schien dieses Mal bis auf rund drei Stunden nachts immer die Sonne. Das hat zwar auch Nachteile – selten hat man so viele oft verdammt einladende, aber leider auch völlig verbrannte Wikinger gesehen. Dafür ist die Atmosphäre aber wesentlich relaxter, wenn Bikinoberteile und nackte Waschbrett- und Bierbäuche dominieren. Wenn nur der immer beißender werdende Geruch rund um Zäune, Gebüsche und Bäume nicht wäre. Die Mixer der Gringo Bar, einer Bretterbude mit teuren Cocktails, rückten jedenfalls immer weiter an die rechte Seite der Theke, wo Limonen noch stärker dufteten als aufgekochte Wikingerpisse.

Solch deftige Sprache entschuldigt, wer je die hygienischen Bedingungen in Roskilde erlebt hat. Auf dem Mediacampinggelände gab es für hunderte Menschen gerade mal sechs Dixiklos und einen einzigen Wasserhahn, an dem sonst der Gartenschlauch angeschlossen wird.

Dafür nimmt man es mit den Regeln (“The rules are the rules”) jedes Jahr genauer. Diesmal mussten wir dreimal das Zelt umstellen, weil die Aufpasser des Festivals meinten, Zelte dürften niemals neben Wohnmobilen stehen. Die Logik: Wenn das Wohnmobil explodiert, wird das Zelt daneben Feuer fangen.

Durch die Umzüge bildeten sich aber netterweise immer neue Kleinkommunen. Ich landete in einer Gruppe aus Mittzwanzigern aus Malmö, die eine angepunkte Römerin dabeihatten, die sich ständig über das langweilige Schweden aufregte, sowie eine coole Osloerin, die das halbe Festival verschlief und die andere Hälfte einen Liebesroman las. Die Malmöer, die Bier ablehnen, weil es zu langsam betrunken macht, fragten zur Begrüßung immer: “You want a gin?” Auch zum Frühstück.

So weit also alles prima mit der Woodstock-Mythosverlängerung. Nur das Musikprogramm macht einem langsam Sorgen. Es fehlen zu viele relevante Bands. Zwar kann man in Roskilde im Bereich Indiepop und Worldmusic (großartig die Brasilianer von Bnegao & Os Seletores De Freqüencia) immer Entdeckungen machen und sieht klasse Konzerte von Bright Eyes, The Faint oder 13 & God.

Aber noch nie zuvor hat man sich für die Headliner dieses Festivals so geschämt. Duran Duran? “Learn To Survive” widmete die Band “den Afrikanern”. Die öden Audioslave oder die stumpfen Foo Fighters? Dänenrock von D-A-D? Das reichte diesmal erstmals nicht zum Prädikat “ausverkauft”. Scheintote wie Ozzy O. von Black Sabbath (die gegen alle Erwartung einen Klasseauftritt hinlegten; nur ging Ozzy trotz Trinkens aus einer Tasse und des folgenden Sprayens von irgendwas in den Hals nach 90 Minuten leider die Puste aus) und der ausgelaugte Altersheimsurfer Brian Wilson, der einige tapfere Roskilder, die 185 Euro für allerdings 160 Acts geblecht hatten, um ihren Spaß betrog (75 Minuten), weil er am gleichen Auftrittstag noch bei allen Live-8-Shows spielen wollte.

Dumm, dass es die Concorde nicht mehr gibt, mit der Genesis einst zu den “gleichzeitigen” Band-Aids jettete. Sexist Snoop Dogg im blau-weißen Schlafanzug hatte Pech, sein Sound war etwas dünn und vor allem sah er nicht das Mädchen, das einfach nur einen luftigen Blumenkranz trug über dem Busen.

Green Day waren die Einzigen, die aus den Live-8-Auftritten am gleichen Tag scheinbar noch Energie gezogen hatten. Der Green-Day-Sänger zog zum Höhepunkt drei Freiwillige aus der Masse der 40.000 vor der Orange Stage, die sich per Handzeichen gemeldet hatten, um Schlagzeuger, Gitarrist und Bassist zu ersetzen. Die drei bekamen einen kompletten Song hin, und der Hobby-Gitarrist küsste die Green Days zum Dank auf den Mund und bekam eine Gitarre geschenkt.

In solchen Momenten liebt man Roskilde. Sogar die betrunkenen SMS-Kinder. Das Leuchten der sechs Zeltbühnen in der Nacht. Dann möchte man bei Sonic Youth am liebsten in die Boxen krabbeln. Dann auch noch die genialen, echten Chic zu sehen! Ein Lebenstraum. “Upside Down”, “We are Family” und “Le Freak”. Lange hat man nicht so happy getanzt und Fremde angegrinst und mit ihnen gesungen. Dann ist Roskilde eine Droge, die man sich jeden Tag in die Vene spritzen möchte. Nie wieder Normalos um einen rum! Ein Leben in der perfekten Musikzeltstadt, wo von mittags bis nachts immer irgendeine Lieblingsband spielt.

Wer Geld braucht, sammelt ein paar Plastikpfandbecher (ich brauchte nur rund 15 Minuten für die 20 Kronen für ein kleines Bier) oder arbeitet freiwillig in einem der Restaurants. Tatsächlich muss hier jeder der rund 20.000 Freiwilligen insgesamt 24 Stunden zum Beispiel Nudeln kochen oder als Crowd Safety in orange Weste auf die anderen aufpassen. Alle Überschüsse gehen an die örtlichen Sportvereine und Grüppchen, die mitmachen.

Letztes Jahr spendete das Festival 60.000 Euro für ein medizinisches Projekt in Palästina. Diesmal wird man Profite an DanChurchAid spenden, die in Kambodscha gegen modernen Menschenhandel kämpfen. Mitarbeitern in T-Shirts mit der Aufschrift “act against slavery” konnte man seinen leeren Bierbecher geben als 1-Krone-Spende. In 30 Jahren Non-Profit-Roskilde-Festival wurden 85 Millionen Kronen weltweit gespendet. Auch deshalb kann man in Roskilde über die großspurige Attitüde von Live 8 nur lachen. Die Gummistiefel kaufen wir dann nächstes Jahr. ANDREAS BECKER

Quelle: TAZ vom 5.7.2005