Zeitungsartikel 2004

Presseberichte 2004

Open-Air-Festival mit Antiterror-Zaun

Die Besucher des dänischen Musikfests Roskilde mussten sich in diesem Jahr über einen acht Meter hohen Zaun nahe der Bühne wundern. Und der israelische Botschafter ist verärgert.

Rund 75.000 Zuschauer kamen in diesem Jahr zum traditionelllen Open-Air-Festival Roskilde in Dänemark, um Musiker wie Avril Lavigne, Muse und die Pixies zu sehen. Doch teilte ihnen nahe der Bühne ein acht Meter hoher Zaun das Blickfeld.

Dabei handelte es sich um eine Teilstück-Kopie des «Sicherheitszauns», der in Israel israelisches von palästinensischem Gebiet trennt. Allerdings stand auf der dänischen Version zu lesen «Make Peace, Not Walls» (Macht Frieden, errichtet keine Mauern). Mit der Aktion wollte die dänische Hilfsorganisation Dan Church Aid gegen Israels Politik protestieren, berichtet der Onlinedienst «Dotmusic», und hat den Ärger des israelischen Botschafters in Dänemark und der konservativen Dänischen Volkspartei auf sich gezogen.

Botschafter Ephraim Ben-Matityahu warf Dan Church Aid vor, die Bezeichnung Hilfsorganisation als Deckmantel für politisches Engagement zu missbrauchen. «Wenn es eine politische Aktion ist, in Ordnung, aber nennt euch nicht Hilfsorganisation», so Ben-Matityahu.

Ein Sprecher der Dan Church Aid verteidigte den Zaun: «Wir haben einen politischen Standpunkt eingenommen, aber wir sind nicht Gegner des israelischen Staates.» Der Zaun in Israel habe schwerwiegende humanitäre Konsequenzen für die Palästinenser, da hätten sie reagieren müssen. (nz)

Quelle: www.netzzeitung.de vom 05. Juli 2004
75.000 Fans kamen trotz Dauerregens nach Roskilde
 
“Gummistiefel ausverkauft” hieß es am Wochenende im dänischen Roskilde rund um Europas traditionsreichstes und dieses Mal total verregnetes Rockfestival. 75.000 Besucher wateten tapfer durch immer tieferen und hässlicher stinkenden Matsch. Zu allem Überfluss mussten sie sich auch noch mit einem von vielen als enttäuschend empfundenen Angebot an Topstars abfinden. 

“Nach der kurzfristigen Absage von David Bowie fehlte uns der große Name, der alle zusammenbrachte”, bekannte Festivalsprecher Esben Danielsen. Statt des 57-jährigen Bowie, der wegen eines eingeklemmten Schulternervs seine Europa-Tournee abbrechen musste, spielte die US- Heavy-Metal-Band Slipknot, mit ihren Zombie-Masken und extrem aggressiven Klängen nicht unbedingt ein “alle einigender” Ersatz für die ausgebliebene Hauptattraktion.

Mit Topnamen wie Iggy Pop, N*E*R*D, Korn, Fatboy Slim, Wu-Tang Clan und einem Großangebot an Hip-Hoppern unter den insgesamt 160 Bands setzte Roskilde in diesem Jahr bewusst auf Verjüngung des Angebots. Total mitgerissen wurden die Rockfans ausgerechnet von einem Opernkonzert mit Musik von sonst in Roskilde weniger gefragten Komponisten wie Verdi, Wagner und Rossini.

10.000 Zuhörer brachten mit ihrer unbekümmerten Begeisterung für Arien und mächtige Chöre nicht nur das riesige Arena-Zelt zum Kochen. Auch die sonst in ganz und gar anderem Rahmen auftretenden Musiker auf der Bühne gerieten völlig in Verzückung und beklatschten ihrerseits das Publikum frenetisch.

Wie schon eine Woche zuvor beim zweiten europäischen Traditionsfestival im englischen Glastonbury (mit 125.000 Besuchern) mussten die Veranstalter in Roskilde einen Todesfall melden. Ein 20- jähriger Schwede wurde in der Nacht auf Sonntag tot in seinem Zelt gefunden. Während in Glastonbury schnell Drogen als Todesursache bestätigt wurden, wollte die dänische Polizei bis zum Ende des Festivals keine weiteren Angaben machen.

Quelle Roskilde (APA/dpa)  – Steiermark Ausgabe – www.kleinezeitung.at

Wikinger unter sich
Das Roskilde-Festival wird immer mehr zum Lokaltermin – die Deutschen spielen in der zweiten Liga

Der Regen macht alle gleich. Modischer Schnickschnack und Szenezugehörigkeit sind nicht mehr zu erkennen. Jeder trägt Plastikkutte, Gummistiefel und verschanzt sich unter Kapuzen. Versinkt man dann noch knietief im Schlamm, wird alles egal. So gesehen sind die Schauer, die in diesem Jahr auf das Open-Air-Festival von Roskilde niedergehen, ein Idealzustand. Schließlich wird dort seit 1971 kollektiv gedacht, ehrenamtlich geholfen und für wohltätige Zwecke gespendet. Das macht Roskilde immer wieder einzigartig.

Um den Titel “schlammigstes Festival Europas” muss die dänische Gemeinde nahe Kopenhagen allerdings seit einigen Jahren wetteifern. Mittlerweile buhlen rund 350 Open-Airs im Sommer um Gunst und Geld der Fans, davon mehr als hundert allein in Deutschland. Auch in seiner 34. Auflage ist Roskilde wieder ausverkauft. Allein die internationale Zusammensetzung der Festivalcrowd hat sich verändert: Unter den 75 000 zahlenden Zuschauern tummeln sich beispielsweise nur noch rund 3 000 Deutsche. Mitte der 90er-Jahre stellte Deutschland mit 13 000 Angereisten noch die zweitstärkste Nation dar. Doch was soll der Popverrückte aus Gammelsdorf nach Dänemark reisen, wenn er David Bowie, Iggy and the Stooges, Franz Ferdinand und die Pixies inzwischen auch um die Ecke sehen kann. Folge: Roskilde mutiert allmählich zum Lokaltermin.

Knapp die Hälfte der 160 Bands stammt aus dem skandinavischen Raum. Vor allem Metalbands wie Meshuggah, Mustasch und Soilwork haben es den Wikingern angetan. Die schwedischen Metaller beherrschen ihr Handwerk schon seit langem genauso gut wie ihre amerikanischen Kollegen von Korn, Slipknot und Morbid Angels, die allesamt auf der größten der sechs Roskilde-Bühnen spielen. Und auf den Dänen Tim Christensen, der aussieht wie Tom Petty und sich mal wie Oasis, mal wie Chris de Burgh anhört, kann sich die gesamte nordische Familie einigen. Aber auch eingefleischte Indiefans finden in Dänemark mittlerweile eine feine Alternativ-Rockszene mit Bands wie Larsen and Furious Jane und Figurines, die wie Modest Mouse oder Built to Spill klingen.

The Hives aus Schweden dürfen auf der orangenen Bühne die zweite Nacht beschließen. Die schwedische Band, in weiße Anzüge, schwarze Hemden und Gamaschen gehüllt, spielt hypernervösen 60s-Garagerock. Sänger Pelle Almquist müht sich, die Masse bei Laune zu halten, animiert um sein Leben (Gimme say yeah) und fällt posergerecht auf die Bretter. Nur ein mildes, aber respektvolles Lächeln hat dafür übrig, wer zuvor den furiosen Punkrock von Wire erlebt hat. Deren Mastermind Colin Newman könnte der Vater von Almquist sein, nimmt es aber, wie sein Konzert zeigt, in puncto Gitarrenschrumm und Tempo noch immer mit all seinen Adepten auf.

Selbstverständlich wird das genauso mit dankbarem Applaus honoriert wie jeder noch so mittelprächtige Act. Die Roskilde-Freaks sind da spätestens am dritten Tag nicht mehr wählerisch, trinken hektoliterweise Tuborg-Bier und saugen billigsten Rotwein aus der Tüte. Die einwöchige, 155 Euro teure Party duldet keine Ausfälle. Und die großen Namen? David Bowie hatte wegen einer Schulterverletzung abgesagt. Iggy Pop ist dagegen fit wie nie und unangreifbar. Gott. Auf der orangenen Open-Air-Bühne, wo der 57-Jährige wegen seiner vielen Gigs Jahre und Jahrzehnte zuvor schon eine Art Platzrecht besitzt, bestätigt er all das, was nach seinem Berlin-Auftritt in dieser Zeitung zu lesen war. Trotz strömendem Regen.

NERD wiederum rocken erstmals auf dänischem Boden, haben aber schon viel über den besonderen Spirit des Festivals gehört, wie Frontmann Pharrell Williams zu Beginn seiner Show versichert. Dann folgt Hit auf Hit, cool und souverän, die Menge tobt, singt alles mit und strahlt glücklich wie die Sonne, die kurz zum Vorschein kommt. Glanzvoller Höhepunkt das Konzert des raren Morrissey, der nach sieben Jahren Abstinenz wieder den charmanten Crooner gibt und neben vielen neuen Stücken seinen Smiths-Klassiker “There is a light that never goes out” intoniert.

Sorgen muss man sich nur um die deutschen Bands in Roskilde. Exemplarisch für diesen Befund spielen die Simpelrocker von Sportfreunde Stiller, die ihr Dilettantentum kokett selbst besingen: “Wir waren nie erste Wahl.” Genau. Die Münchner spielen in der zweiten Liga, und es steht zu befürchten, dass eines Tages weder deutsche Musiker noch Popfans den Weg in den Norden finden.

Die germanischen Roskilde-Pilgerer sterben aus. Doch das stört die Wikinger wenig. Sie machen ihr Festival unter sich aus, waten weiter fröhlich durch den Matsch und freuen sich vermutlich schon aufs nächste Jahr. Das ahnt auch Morrissey, als er sein durchnässtes Publikum mit den Worten begrüßt: “Festival, rain, Festival, rain, it’s always the same.”
Quelle: www.berlinonline.de  – Tim Bartels

I cant stand the rain

Die Zelte standen unter Wasser, die Zuschauer im Matsch: Das Rockfestival von Roskilde versank vergangene Woche in Regenfluten. Bands wie die Pixies und The Wire überzeugten trotzdem
VON ANDREAS BECKER
Wenn dieser Bericht ein wenig irre klingt, dann liegt das daran, dass ich in diesem Moment mit matschigen, durchnässten Pumaschuhen, die ich morgen früh wegschmeißen werde – jetzt ist es Sonntagabend 23 Uhr – in der Pressebaracke eines Rockfestivals sitze, dass als eine der größten Schlammcatchpartys in die Geschichte eingehen wird. Roskilde 2004.

Das Merkwürdigste ist, dass dieser elende Regen, der immer wieder über dieser verdammten Fläche eines Bullen- und Kuhauktionsortes niederging, die meisten Besucher einfach nicht umhauen konnte. Noch heute, nachdem die Kids schon eine Woche hier auf den teilweise überfluteten Wiesen campen, sehen viele aus wie frisch eingekleidet. Eine perfekt geschminkte 24-jährige Norwegerin, die in Schottland graduiert hat, meinte gerade beim Gig von Muse, es sei eben alles eine Frage der perfekten Schuhe. Als sie meine sah, lachte sie nur.

Es gibt hier den Trick, sich direkt um die Füße eine Plastiktüte zu wickeln, dann zieht man ein, zwei Schichten Socken drüber und dann ganz normale fette Boots. Oder gleich Gummistiefel. 1997, da hatte es nur zwei Tage ununterbrochen geregnet und dann schien die Sonne, hatte das Festival einen extra Raum für verlorene, im Matsch fest gesogene Einzelschuhe eingerichtet, wo viele Schuhlose nach Tagen ihren Stiefel wiederfanden. Wenn nachmittags kurz die Sonne rauskommt, riecht der Matsch komisch, nicht nach Pisse, wie an den Rändern des mehrere Quadratkilometer großen Katastrophengebietes, irgendwie anders, angebrannt vielleicht. Man wird leicht high davon.

Aber Roskilde funktioniert auch unter diesen Bedingungen perfekt. Über 10.000 Leute arbeiten unentgeltlich für das Festival. Die “Crowd safety”-Truppe mit ihren orangefarbenen Westen hat ihre Augen überall. Wenn jemand nur ins Schwanken kommt, reicht man ihm schon einen Becher Gratiswasser. Die Organisatoren rechnen sogar damit, ein Plus zu machen und das Geld einem Projekt in Israel zu spenden. Auf dem Festivalgelände hatte man die dortige Grenzmauer in der Originalhöhe von acht Metern nachgebaut, mit dem Spruch “Make Peace, Not Walls” drauf. Seit 2000 neun Männer beim Pearl-Jam-Konzert zu Tode kamen – bis heute ist nicht wirklich klar, wie das passieren konnte -, ist man in Roskilde besonders achtsam. Und die Stimmung ist seitdem leider längst nicht mehr so ausgelassen. Ausflippen, ja sogar wildes Tanzen, wird schon mit kritischen Blicken verfolgt. Vor den großen Bühnen sind extra Gräben eingerichtet, in die nur eine begrenzte Anzahl Leute eingelassen wird. Wie alles hier in diesem Abbild eines perfekten Minisozialstaats, wird die Sache konsequent mit Ampeln geregelt. Wenn bei “IN” rot ist, kann man halt nicht nah vor die Bühne. Keiner würde hier je versuchen, diese Bereiche zu stürmen.

Musik? Gab es auch. Bowie fiel wegen einer Schulterverletzung aus, die ganze Tour ist abgesagt. Stattdessen holte man die Maskenmetaller und Showwixer Slipknot, die eher Brech- als Heavy Metal machen. Die Pixies spielten ein schönes Set, stellten sich am Ende an die Bühnenkante und fotografierten sich gegenseitig. Revival für die Altersversorgung, sehr sympathisch unverlogen. Wire waren klasse. Explodierten nur so vor Energie, hauten sogar am Ende Punknummern raus, ohne dass es irgendwie peinlich wurde. Ganz ganz groß auch die !!!. Am letzten Tag prügelten sie sich durch ihr Material, brüllten irgendwas von Mud und Love. Der Sänger fragte: “Wollt ihr nicht zu Franz Ferdinand?”, die parallel spielten, und keiner ging weg. Das hätte eh nicht wirklich funktioniert, weil am letzten Tag der Matsch so tief war, das man nur noch auf Wegen laufen konnte, die unter dem Matsch irgendwo Asphalt hatten. Ortskundige voran! The Hives waren lustig peinlicher Retrotrash, der Sänger geschminkt und Yeah! rufend, ohne eine Antwort zu kriegen. Die Wikinger werden auch immer ruhiger, sogar bei ihren Lokalmatadoren rasten sie nicht mehr aus.

Es wird kälter, vielleicht sind es noch so 7 Grad, meine Hose ist voll Pampe, die langsam trocknet, irgendein ein Organisationsdäne zieht die Stecker um mich herum raus. Ich rutsch jetzt noch mal durch die Grütze zum Grünen Zelt, vielleicht gibts da noch was von der Tuborg Plörre. Ach ja, Rettet Christiania wollte ich noch sagen. Was auch von Mister Beenie Man unterstützt wurde, der einen Christiania-Fahnenschwenker auf die Bühne ließ. Komisch, es trommelt gar nicht mehr auf das Dach. Der Regen ist müde. So am I.
Quelle: www.taz.de – 06. Juli 2004

Wattwandern beim Festival in Roskilde
75 000 Rockfans versinken im Regen / Ein Toter im Zelt gefunden

Zelte schwimmen in einer stinkenden Schlammbrühe. Besucher baden im Matsch, andere reisen vorzeitig ab. Das dänische Roskilde-Festival ist am Wochenende abgesoffen. Kurze, heftige Regenfälle haben den größten Musikmarathon Nordeuropas besonders am Sonnabend in eine eineinhalb Millionen Quadratmeter große Wattlandschaft verwandelt.
In Gummistiefeln und mit Regenjacken feierten 75000 Fans von Donnerstag bis gestern nahe Kopenhagen 160 Bands, darunter Fatboy Slim, Korn, N.E.R.D und Iggy Pop . Die Konzerte wurden jedoch wie auch beim britischen Glastonbury-Festival vor einer Woche von einem Todesfall überschattet: Ein 20-jähriger Schwede wurde in der Nacht zum Sonntag leblos in seinem Zelt gefunden. Drogen als vermutete Ursache wurden noch nicht von der Polizei bestätigt.
Bereits Dienstag hatte die krankheitsbedingte Absage von David Bowie für die erste Hiobsbotschaft gesorgt, die Veranstalter mit der Verpflichtung der US-Grusel-Metaller Slipknot als Ersatz für die zweite. Denn es war schon kurios: Eine Neun-Mann-Armee mit Hannibal-Lecter-Masken, Dampfwalzen-Sound und rekordverdächtiger Schimpfwortdichte soll die Fans des 57-jährigen Weltstars beglücken?!
Denkbar harmloser zwitscherte die kanadische Skatepop-Göre Avril Lavigne ihre Radiohits und ließ sich vom Gitarristen die Akkorde zeigen. Die US-Noise-Legende Pixies wirkte dagegen auch nach einer Dekade Pause routiniert. In weißen Anzügen trauerten die schwedischen Garagenrocker The Hives um Schauspieler Marlon Brando. Ex-The-Smiths-Sänger Morrissey garnierte sein triumphales Comeback mit Oscar-Wilde-Zitaten und eigenen Weisheiten: “Festival rain, festival rain – always the same!”
Wie Roskilde 2010 aussehen wird, hat hingegen das Kopenhagener Institut für Zukunftsstudien vorausgesagt: Die Besucher werden individuell für sie zubereitetes Essen kaufen und selbst auf Bühnen stehen, so die Forscher. Wie das Wetter werden wird, haben sie nicht gesagt.

Quelle: Hamburger Morgenpost – Timo Hoffmann 05. Juli 2004

Das Roskilde-Gefühl
Dänemark, Roskilde, Ende Juni. Eigentlich ist das hier gar kein Festival, es ist ein Suchtmittel.
Camping Stage, die kleine Bühne, bevor die Tore zum eigentlichen Festivalgelände öffnen. Das Wetter schauert vor sich hin, und durch latschende Menschenmengen ändert sich der Aggregatzustand des Bodens langsam in Richtung einer plasmaartigen Matschmasse: “Roskilde smatten” – der spezielle Roskilde-Modder.

Aber egal. Spätestens, wenn die erste Band die kleine Bühne betritt, die ersten Akkorde aus den Lautsprechern kommen, beginnt irgendeine archaische Region des Stammhirns damit, roskildespezifische Endorphine auszuschütten. Dieses Festival macht abhängig. Und es ist dabei völlig gleichgültig, ob das Gelände nach ein paar Tagen eher dem Veranstaltungsort eines gepflegten Nato-Herbstausflugs gleicht oder ob der Boden, zur Abwechslung von durchaus mal vorkommender dänischer Dauersonne getrocknet, sich langsam in Staubwolken auflöst – einmal dagewesen, einmal mitgemacht, immer wieder.

Woran das liegt? Nur an der Musik nicht unbedingt, dieses Jahr war das Line-up eher unterdurchschnittlich. Am Wetter auch nicht, das tendiert zumeist Richtung skandinavisch-unstet. Es ist vermutlich die Stimmung. Das fängt beim Personal an: Sämtliche Festivalhelfer bekommen für ihre Arbeit keine einzige Dänenöre, sondern arbeiten ohne Profit – wie das ganze Festival. Ihr einziger Lohn: freier Eintritt. Dafür machen sie zwei Tage Dienst an einem Getränkestand, in einer Fressbude oder gar als Sicherheitsfuzzis. Sie sind auch nur Festivalbesucher wie man selbst und wollen genauso ein paar Tage Realitätsferien mit Musik. Dazu kommen all die komischen Vögel, die von Festivals sonder Zahl angezogen werden und für die sich offenbar besonders in Skandinavien reichhaltig Biotope finden. Selbstdarsteller, Gruppeninszenierungen, Zeltverzierungen, selbstgebastelte Flaggen und haufenweise mehr vollkommen durchgedrehtes Distinktionszeug findet sich auf jedem Quadratmeter.

Und es klappt, das Roskilde-Gefühl gewinnt eine Eigendynamik, breitet sich aus, legt sich übers gesamte Areal, steigert sich weiter nach der zeremoniellen Öffnung der Tore des riesigen Konzertgeländes mit den sechs Zeltbühnen, bekommt zusätzlichen Schub durch die Musik. Unglaublich, dass eine Veranstaltung mit annähernd hunderttausend Menschen so wenig aggressiv, ja, so fürchterlich gut gelaunt und entspannt sein kann. Trotz literweise Tuborg, trotz oft schlechtem Wetter, trotz nur per Gummistiefel zu durchquerenden Schlammpfützen fährt man erholt nach Hause und zehrt noch wochenlang von den Erzeugnissen der eigenen Hirnanhangdrüsen. Und dann: Warten auf die nächste Dosis. Ab Dezember gibt’s Karten.

Quelle: http://neon.stern.de – 29. Oktober 2004