Zeitungsartikel 2003

Deutsche machen sich rar beim Roskilde-Festival

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Roskilde (dpa) – Die Deutschen machen sich rar beim Festival im dänischen Roskilde. Als in der Nacht zum Freitag zur Eröffnung des 33. Festivals westlich von Kopenhagen mehr als 50 000 Besucher die harten Klänge von Metallica bejubelten, stimmten nach Angaben der Festivalleitung höchstens 3000 Fans auf Deutsch ein. Diese Zahl aus dem Vorverkauf nimmt sich kümmerlich aus gegenüber den neunziger Jahren mit stets 15 000 Rockfans aus dem südlichen Nachbarland Dänemarks.

Von der Position als zweitstärkste Besuchergruppe nach den Platzherren und -damen zusammen mit den Schweden sind die Deutschen durch inzwischen 17 000 Norweger verdrängt worden. Die Wikinger aus dem Land der Fjorde waren früher nur vereinzelt zu sehen gewesen. «Für die Norweger ist halt ein Bier bei uns sehr billig, während es für die Deutschen sehr teuer geworden ist», meint Festivalsprecher Esben Danielsen in der heimischen Presse über die Hintergründe. Bier gilt als Grundnahrungsmittel in Roskilde, für das inzwischen pro Plastikbecherchen 18 Kronen (2,50 Euro) zu entrichten sind.

Der Preis für das Festivalticket hat sich in den vergangenen acht Jahren praktisch verdoppelt und kostet jetzt 165 Euro. Für die «Ölscheichs» aus Norwegen ein Pappenstiel, aber für viele junge Deutsche bei hoher Arbeitslosigkeit und schrumpfenden Einkommen offensichtlich nicht mehr zu bezahlen, meint Danielsen in der Zeitung «Jyllands-Posten».

Das sei «Quatsch», wehren einige deutsche Roskilde-Fans mit dem obligatorischen Bierbecher in der Hand ab: Im eigenen Land gebe es aber inzwischen auch sehr «brauchbare» Festivals, die etwa in diesem Sommer kurz vor Roskilde bei «Rock am Ring» und «Rock im Park» dieselben Top-Namen wie Metallica, Iron Maiden und Blur auf ihren Plakaten stehen hatten. Vorüber ist auch der Reiz des komplett Neuen und Andersartigen, der nach der Wende tausende Rockfans aus der früheren DDR über die Ostsee nach Dänemark gelockt hatte.

Immer wieder genannt wird auch der Tod von 9 Besuchern, darunter ein junger Hamburger, beim Roskilde-Konzert der US-Band Pearl Jam vor drei Jahren. Die Behandlung dieses furchtbaren Unfalles in den deutschen Medien habe abschreckender gewirkt als in den skandinavischen Ländern.

Uneinigkeit bei der Ursachenforschung ändert nichts daran, dass die Organisatoren sich auf die neue Lage auch beim Anheuern von Bands flexibel und unsentimental einstellen. War früher klar, dass es ein deutscher Name mit Starappeal wie 1991 Herbert Grönemeyer oder neun Jahre zuvor Ideal in den Glanzzeiten der Neuen Deutschen Welle sein musste, sucht man heute bis auf Insidertipps aus der DJ-Szene vergebens danach. Stattdessen wird nun auf den sechs Bühnen mehr auf Norwegisch gesungen, gerappt und geröhrt.

Bei den Dänen galten die Deutschen immer als unproblematische, freundliche Besuchergruppe mit weitaus weniger Alkoholproblemen als etwa Teenager aus Schweden. Mit einem gewissen Respekt und guten Auge für Details konstatiert die Kopenhagener Zeitung «B.T», der Anblick «Apfelschnaps trinkender Punker und Heavy-Rocker aus Deutschland» sei eine Roskilde-Rarität geworden.

Quelle: DPA

Roskilde findet wieder zu sich selbst

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Roskilde ist wieder in: In diesem Jahr bot das Rockfestival endlich wieder die für frühere Jahre typische Mischung aus Freude am Feiern und fast grenzenloser Freundlichkeit. Rund 75.000 Besucher waren bei strahlendem Sommerwetter begeistert von dem Staraufgebot von Metallica bis Björk und mehr als 100 weiteren Bands von Techno bis Volksmusik aus Mali. “Nach einigen schwachen Jahren mit wackligem Profil und Identitätsproblemen nach dem Unglück 2000 ist Roskilde unter jungen Leuten wieder hip”, stellte die Kopenhagener Zeitung “Politiken” am Sonntag nach Abschluss von drei der vier Festivaltage fest.

Erinnerung an das Unglück von 2000 kommt immer wieder hoch
Trotzdem kam die Erinnerung an den Tod von neun direkt vor der Bühne erdrückten Zuschauern bei einem Konzert mit Pearl Jam auch in diesem Jahr immer wieder hoch. Als beim Auftritt von Metallica, dem unbestrittenen Festivalhöhepunkt, Gedränge in den ersten Reihen entstand und sich vor allem unter jungen Mädchen Panik auszubreiten schien, unterbrachen die US-Heavy-Rocker das Konzert und ließen den aus Dänemark stammenden Drummer Lars Ulrich zu Vorsicht mahnen: “Bleibt ruhig Leute.”
Viele weniger Deutsche als sonst
Unter den 60.000 Fans bei diesem Konzert waren nur noch wenige Deutsche. Dass die Zahl der Besucher vor allem aus Norddeutschland in den vergangenen Jahren von 15.000 auf diesmal 3000 abgesackt ist, wird in Roskilde neben den vielleicht nicht mehr so prall gefüllten Portemonnaies beim südlichen Nachbarn auch auf das Unglück vor drei Jahren zurückgeführt, bei dem ein junger Hamburger zu den Opfern gehört hatte.

Das Metallica-Konzert verlief ebenso wie alle anderen bis zum Sonntag ohne Zwischenfälle. Getrübt wurde die gute Stimmung nur durch ungewöhnlich viele bei der Polizei gemeldete Fälle von Diebstahl und Gewalttätigkeit.

Bisschen viel Heavy-Metal?
Dass die Organisatoren mit Iron Maiden eine weitere Heavy-Metal-Band neben Metallica als “Topact” angeheuert hatten, gefiel nicht allen Festival-Veteranen. Deutlich an Gewicht auf den sechs Bühnen zugenommen hatte auch das Angebot an HipHop und Verwandtem. Die mit ihrem Hit “Aisha” heftig bejubelten dänischen HipHopper von Outlandish waren mit kräftigen Anleihen beim Pop typisch für die in Roskilde überall zu hörende Mischung von Musikarten. Wer von der hochklassigen brasilianischen Band “Skank” Samba oder Ähnliches erwartet hatte, wurde mit einer wilden und mitreißenden Mischung aus Reggae, Latin-Pop, Rap, Grunge und auch schon mal ein bisschen Bossa Nova überrascht.

“Klassischer Rock” fehlte fast völlig
Fast völlig Fehlanzeige war in Roskilde ein Angebot an “klassischer” Rockmusik mit Wurzeln im Blues. Los Lobos aus Los Angeles als hochkarätige Ausnahme mussten ihren Auftritt kurz vor Iron Maiden absolvieren und sahen sich vor der Bühne von gleichgültig bis genervt auf ihre Idole wartenden Heavy-Metal-Fans belagert. “Danke, ihr Musikliebhaber”, raunzte Gitarrist Cesar Rosas mehrfach sarkastisch ins Mikrofon, wenn die wartenden Maiden-Fans mal wieder regungslos auf einen der raffinierten Lobos-Songs reagiert hatten. Immerhin ein bisschen Versöhnung gab es am Ende bei einer auch für die ganz Gleichgültigen unwiderstehlichen Version des Who-Klassikers “My Generation”.

Thomas Borchert

Quelle: http://www.stern.de/unterhaltung/musik/?id=509826