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Presseberichte 2002

Der große Roskilde-Festival-Bericht mit Fotos!
(15.07.2002)

Einen genüsslichen Zug aus der Pfeife zum Lakritzbonbon gönnte sich Paul Jensen, seines Zeichens Mitglied des Organisationsteams, nachdem am späten Sonntagabend mit Travis die letzten Klänge des Roskilde 2002 Festivals verklungen waren. 71.000 Besucher hatten nicht nur für sich selber eine ganze Menge Spass, sondern sicherten auch die Zukunft des Festivals in der bisher gewohnten Form. “Hätten wir beim Kartenverkauf bei “nur” 50- oder 55.000 gestanden, wären die Konsequenzen für das kommende Jahr deutlich spürbar gewesen”, so ein sichtlich nachdenklicher, aber dennoch optimistischer Ausblick in die Zukunft. Bereits vorher in der offiziellen Pressekonferenz am Nachmittag zeigte sich der Veranstalter mit dem Verlauf der vier (für so manchen bis zu sieben) Tage und Nächte mehr als zufrieden. Große Zwischenfälle waren, bei gleichzeitig steigender Besucherzahl gegenüber dem Vorjahr, nicht zu verzeichnen und überhaupt war alles, trotz manch nächtlichen Wolkenbruch, in trockenen Tüchern.

Als dann noch Garbage-Rampensau Shirley Manson dem Veranstalter vor versammelten Medienvertretern derartig viel Honig um den Bart schmierte, dass es nur so klebte, begannen wohl selbst diese endgültig daran zu glauben, dass ihr Roskilde-Festival auch weiterhin zu den bestorganisiertesten und entspanntesten der Welt gehört. Aber der Reihe nach! Denn alles begann mit einem Französisch-Spanischen Energieausbruch, der sich gewaschen hatte…

Denn nachdem gegen 16 Uhr die fidelen und erwartungsvollen Besucherscharen das Festivalgelände offiziell entern und die dänischen Superheroes mit ihrem recht britisch angehauchten Gitarrenpoprock den Auftakt auf der Orange-Stage bestreiten durften, war die Bühne frei für Manu Chao, der einen Tag nach seinem 41sten Geburtstag zusammen mit seinem Radio Bemba Sound System keine Müdigkeit oder Altersbeschwerden erkennen ließ, aber dafür die Meute rockte, als gäbe es keinen Morgen. Offene Münder, strahlende Gesichter, tanzende Menschen und ausgelassene Stimmung, so weit das Auge reichte. Die letzten Sonnenstrahlen und jede Menge Glücksgefühle machten sich breit. Während der Ballroom, die weisse und blaue Bühne an diesem Abend eher den funkigen und elektronischen Sounds diverser Kapellen und DJs vorbehalten waren, sollten andererorts Andrew WK, Rammstein und Black Rebel Motorcycle Club, die zuvor noch beim entspannten Interview in der Media Area anzutreffen waren, für den rockenden Part der anbrechenden Nacht sorgen.

Da auf dem weitläufigen, insgesamt fast 160 Hektar großen Gelände die insgesamt sechs Bühnen (plus Camping Stage) immer einige hundert Meter voneinander entfernt waren, kamen sich die Künstler soundtechnisch kaum in die Quere. Jener war zwar in den meisten zeltähnlichen Locations ausgesprochen gut und klar, wenn auch teilweise recht laut, was aber immerhin als Grund herhalten konnte, sich nochmals den äußerst charmanten Tuborg-Damen zu nähern, die kostenlos Ohrstöpsel verteilten. Der gedehnte Spielplan machte es außerdem möglich, daß es nur selten mal Überschneidungen der Gigs gab. Irgendwas ging immer. Während die Beta Band eher für sich als für das Publikum spielte, kannten Hederos & Hellberg das komplette Publikum dazu bewegen, sich ihre Show im Sitzen anzuschauen und zu genießen. Schöner Anblick! Starsailor lieferten ein souverän leidenschaftliches Set mit Videoprojektionen ab, Andrew WK feierte hart, die vor allem bei den knapp 2/3 der Gesamtbesucherzahl ausmachenden Skandinaviern äußerst beliebten Jungs von Rammstein fackelten eine wahre Pyro-Show ab, The Chemical Brothers legten nach furiosem Intro ein amtliches Set hin und BRMC fanden zum Abschluß des Donnerstags dann auch ihren Rock’n’Roll wieder.

Was einen typischen skandinavischen Sommer ausmacht, konnte man an diesem Wochenende nur teilweise erleben. Berauschender als der deutsche ist er vermutlich aber auch nicht. Überwiegend trocken, sonnig und überaus windig bekam man von 15 bis 30°C alles geboten, was das Thermometer hergibt. Wenn es allerdings schüttete, dann richtig. So auch am Morgen des Freitags. Bis sich dann allerdings die meisten Anwesenden gegen Nachmittag wieder auf dem rund um die Uhr geöffneten Festivalgelände eingefunden hatten, waren die meisten Schlammlöcher bereits wieder angetrocknet. Feuchter, schweißtreibender ging es da schon bei Danko Jones und The (International) Noise Conspiracy zur Sache. Die Meute rockte und rollte zwischen Yellow und White hin und her.

In Anbetracht der Tatsache, dass man als Deutscher von den gut 150 Bands nicht mal ein Drittel wirklich kannte, da zahlreiche skandinavische Local Acts am Start waren und Roskilde zudem wohl mit Sicherheit eines der genrevielfältigsten Festivals ist, blieb genug Zeit zum Flanieren, Rumhängen, Umschauen, an den zahlreichen Klamottenständen zu stöbern, Kaltgetränke zu konsumieren oder aber z.B. auch beim Kicker-Turnier mit den einen oder anderen Dänen ins Gespräch zu kommen. Überaus freundlich und charmant liefen die meisten Begegnungen ab. Internationales Flair ohne jegliche nennenswerte Aggressionen, Auseinandersetzungen oder sonstige Vorfälle, wie später auch auf der offiziellen Pressekonferenz bestätigt wurde. „Take care!“ war auf einigen Roskilde-Shirts zu lesen. Und das schien sich nicht nur aufgrund der Tragödie vor zwei Jahren in vielen Köpfen gefestigt zu haben. Man paßte auf sich auf.

Auch bei Slayer um 17 Uhr. Roskilde Daily, die Festivalzeitung, schrieb über die Metal-Heroen: „…they let loose a thundering cavalcade of tight metal and whining guitars with cursed devil-may-care virtuosity that perhaps only Black Sabbath could match. They came, they saw, they laid waste, yet without surprises. But though the sun was shining, this ain’t Cannes – the almighty metal kings showed themselves virile, violent and worthy to be damned.” Nichts hinzuzufügen. Der Rest des Abends gehörte den Red Hot Chili Peppers, die bei „wet hot chilly weather“ mit aktuellen „By The Way“-Stücken und alten Hits gekonnt dem einsetzenden Unwetter trotzten, das bei den Pet Shop Boys, bei denen wohl ca. 40-50.000 Menschen begeistert und verträumt in ihrer eigenen 80er Jahre-Musikvergangenheit schwelgten, abklung und bei der nächtlichen Deathmetal-Orgie von Satyricon längst vergessen war.

Auch der Samstag sollte ein paar Leckerbissen bereit haben. Zunächst war aber erstmal König Fußball, der ja bekanntlich die Welt regiert, auch in Roskilde Herr im Hause. Wahlweise mit Bier- oder gar festem Frühstück bewaffnet, zog es gut 10-20.000 sitzenderweise vor die Leinwände der Orange Stage. Verblüffend auch wieder, wie viele hier mit festivaleigenen Klappstühlen bestückt sind. Nachdem die Türkei dann den dritten WM-Platz gegen die Südkoreaner eingesackt hatten, wurde es langsam wieder Zeit für Musik. Minus aus Island sorgten mit ihrem schrägen Noisecore für einiges an Bewegung in die allerdings noch spärlich besetzten Reihen, während Notwist und 4Lyn die deutschen Farben präsentierten. Erstere sind auch in Dänemark ungeheuer populär und letztere dürften mit ihrem energiegeladenen Set einiges dafür getan haben, ihren Bekanntheitsgrad zu steigern. Neben Slayer war wohl Manowar die Band, die auf der „Was-schaue-ich-mir-unbedingt-an“-Liste recht weit oben angesiedelt war. Und natürlich kann man von den Rock-Opas in ihren engen Lederkluften halten was man will – was sie boten, war Entertainment pur. Stadionrock erster Güte, Metalposen und Phrasendrescherei hinterliessen allerorts schmunzelndes Kopfschütteln. Besonders auffällig waren bei diesem Auftritt die unzähligen Fahnen im Publikum. Traditionsgemäß wird jedes Jahr alles, was auch nur irgendwie im Wind wehen könnte, an meterhohen Angelrouten durch die Gegend getragen.

Die Royal Crown Revue war eindeutig eines der Highlights im kleinen Roskilde Ballroom. Auf ihrer Reise zurück in die 40er Jahre brachten die anzugtragenden Kalifornier mit Kontrabass, Trompete, Saxophon und ihrem unverkennbaren Neo-Swing die 2-3.000 Anwesenden anderthalb Stunden lang zum Mittanzen oder zumindest Mitschnippsen. Stillstehen unmöglich. Auch nicht für die zwei Tanzpaare, die im Original-Outfit einige flotte Schritte aufs Parkett neben der Bühne hinlegten. 2 große Damen der Musikwelt wussten ebenso die überfüllten Zeltbühnen zu begeistern: Erykah Badu kam divenhaft zu spät, durfte sich das aber angesichts ihres begeistert gefeierten Auftritts auch leisten, Aimee Mann, bekannt aus dem “Magnolia”-Soundtrack, war da bodenständiger und wusste gar nicht, wie sie mit den ihr entgegengebrachten Publikumsovationen umgehen sollte. “Man, I feel like a rockstar!” schmunzelte sie verlegen. New Order und Primal Scream sind Stars und rockten standesgemäß und beendeten den Samstag auf der Orange Stage. Doch das letzte Wort sollten Millencolin um 2 Uhr nachts auf der grünen Bühne haben. Schon einige Male erlebt, war dieser Gig der vier Schweden vor fast heimischer Kulisse doch von einem ganz besonderen Flair. Eine gute Stunde lang boten die Jungs spielfreudig und sichtlich angetan von Atmosphäre und Publikum ein ordentliches Set, dem lediglich noch ein paar ältere Songs gutgetan hätte.

Nach so einem Mammutprogramm ist eigentlich ausschlafen angesagt, doch vor der Orangen Bühne versammelten sich bereits um die Mittagszeit mehrere 10.000 Menschen, um das WM-Finale Brasilien-Deutschland live zu verfolgen. Obwohl sicherlich mehr Deutsche als Brasilianer anwesend waren, hatten die Rekordweltmeister den Großteil der Sympathien des Publikums, das nach dem guten Finale auch das Ende des Festivals in Angriff nahm. Die einen schlenderten ein letztes mal über das schöne Gelände, um die letzten Kronen für ein internationales Essen nach Wahl auszugeben, sich die künstlerisch ambitionierten Projekte, wie den Kühlschrankturm anzusehen oder im “Oval” zuzusehen, wie MTV den Spiritualized-Mastermind Jason Pierce interviewt. Die anderen zog es in den Ballroom, wo Seeed die Menge zum Tanzen brachten. Viele gaben sich mit Kent, Nelly Furtado und den unglaublich gut gelaunten Garbage einen entspannten Popmusik-Tag bei angenehmen Wetter.

Es ging aber auch anders. Schließlich konnte man nach Vex Red den starken Auftritt von …And You Will Know Us By The Trail Of Dead bewundern, die mit ihren 3 Sängern und unzähligen guten Songs zu den Gewinnern des Tages zählten. Direkt im Anschluss psychedelierten The Cooper Temple Clause zwei Zelte weiter und konnten das bunt gemischte Publikum, das durch ältere Mitbürger, die an diesem letzten Tag traditionell umsonst rein dürfen, erfreuen. Der extremste Auftritt des Wochenendes folgte dann um 19.30h: The Icarus Line betraten in ihren schwarzen Anzügen, roten Krawatten und bleich-rot-geschminkten Augen die Bühne, um ihren Wall of Noize auf die Menge loszulassen. Unglaublich, wie agil der 5er um Sänger Joe, der wie eine Mischung aus Marilyn Manson und Iggy Pop aussah, agierte. Zum Ende gab es dann endlich den wilden Rock’n'Roll auch in Roskilde, als die Gitarre auf den Boden geschmettert, Verstärker umgestoßen und das Drumkit zerlegt wurden. Groß!

Nachdem ein alter Männergesangsverein(!) mit skandinavischen Volksliedern die Menge förmlich eingeheizt hat, versammelten sich zum krönenden Festivalabschluss nochmal nahezu alle Besucher vor der orangen Bühne, um die Lieblinge von Travis zu sehen. Die Stimmung bei der letzten Band hat in Roskilde immer ein ganz besonders intensives Flair. Dessen war sich auch Sänger Fran Healey bewusst, der seine Begeisterung und Ehrfurcht vor diesem Auftritt nicht zurückhalten konnte und immer wieder zwischen den Liedern atemlos seinen Gefühlen freien Lauf ließ. Travis konnten mit ihren bestechend schlichten Liedern und ihrer sympathischen Art und Weise alle auf ihre Seite ziehen, und als Fran Healey sein Loblied über das Festival, die Bedeutung der Zuschauer und die Bedeutung der Musik für die Menschheit nochmals hervorhebt, brechen alle Dämme. Die Frage “Why Does It Always Rain On Me?” wird zwar gestellt, muss aber nicht beantwortet werden, denn dieses Konzert als Abschluss des Festivals hätte nicht wärmer sein können.

Dieses Konzert, diese Atmosphäre, all die kleinen, aber feinen Details des Festivals sind Anhaltspunkte, an denen man immer wieder feststellen kann, wie offenherzig, wie liebevoll, wie menschlich dieses Festival organisiert ist. Das Roskilde-Festival ließ auch in diesem Jahr keine Wünsche offen und konnte seine einzigartige Stellung als Vorbild für die meisten anderen Festivals wieder eindrucksvoll untermauern. See you in 2003…

Text: – Michael Kellenbenz, Jochen Gedwien, Won Sin -
Fotos: – Jochen Gedwien, Won Sin -

Quelle:http://www.noize.cc - 15. Juli 2002

Sweet Home Alabama 2

Wenn das Zelt nicht ganz dicht ist: Beim Roskilde-Festival trübte nur der Regen die Laune. Dafür verzauberte Erykah Badu die kleinen Ethnofan-Mädchen, und Punk wurde mit “Poenk” buchstabiert. Tagebuchaufzeichnungen zweier Korrespondenten
von ANDREAS BECKER und JENNI ZYLKA

Dänen habe ichs gezeigt! Rollte in Gedser auf meinem Fahrrad von der Fähre und bin mit vollem Gepäck 25 Kilometer gegen extremen Seitenwind bis Nyköbing gefahren. Bin völlig alle, aber euphorisch. Kein Regen!

Habe unterwegs im Coma-Markt den ersten Literpack Trinkjogurt besorgt. In Nyköbing war um Viertel nach sechs schon tote Hose in der Fußgängerzone. Erst mal Kronen gezogen. Muss unbedingt den 19.26-Uhr-Zug nach Roskilde kriegen, werde sonst die Chemical Brothers verpassen. Für Starsailor und Manu Chao ist es eh zu spät. Auf dem Fußballplatz übt ein Nyköbinger Spielmannszug, in Uniform Lieder zu spielen und gleichzeitig um Ecken zu marschieren. Weiß nicht mehr, warum, aber diese Probe scheint mir Sinnbild für die aktuelle Verfassung Dänemarks. Rase zu den Chemical Brothers – wie gewohnt laut, hart und durchvisualisiert. Überall Leute mit Bierbechern, nur kommt die Plörre nicht mehr von Carlsberg, sondern von Tuborg. Das Tuborg schmeckt nach gar nichts, hat keinen Schaum und zu wenig Alk. Das ist definitiv kein Bier. Habe zum Glück noch Jogurt zum Nachspülen.

Schön, wieder bei den Irren von Roskilde zu sein. Ein Wiedersehensgefühl, als die Frau am Pressecounter meinen Arm greift und das Plastikbändchen für die Kontrollen festmacht. Sie lächelt und gibt mir das Programmheft. Ach, die Wikingerinnen mit ihren blauen Leuchtknöpfen als Augen. Auf der Bühne grummeln dumpf die doofen Rammstein. Dann Black Rebel Motorcycle Club – ganz okay, schön laut. Ja, ja, “what happened to my Rock and Roll” fragt der Club kritisch. ” A.B.

***

Ich hätte doch Texel 3 kaufen sollen. Alabama 2 nämlich, das mich gerade mehrere Stunden meiner klanglos verrinnenden Zeit auf Gottes nasser Erde gekostet hat, entpuppt sich als olivfarbener Unterrock mit Schlaufen. Und dieses spinngewebedicke Zeltchen soll mir vier Tage lang Schutz gegen Wind, Wetter und knülle Dänen bieten? Vielleicht hätte “Alabama 1″ ja einfach zu einsam geklungen. Schließlich erwarten doppelt so viel männliche wie weibliche Besucher auf dem Festival eine kleine Nummer, das vermeldet die erste Roskilde Daily, die mir beim Zeltaufbau ins Gesicht geflattert kam und dort so lange kleben blieb, bis ich die Meldung gelesen hatte. Das ist als Vorstellung allein schon mathematisch ein wenig befremdlich, aber bis jetzt ist noch alles ruhig im feuchten Pressecamp. Kein wildes Gefeiere im silbernen Großzelt nebenan. Übrigens ein GSG 9, wenn ich mich nicht irre. “J.Z.
Freitag
Der Fotograf putzt seinen VW-Bulli, darf im Wagen darum keinen Kaffee kochen. Also Brunch, der nicht schmeckt, für umgerechnet 10 Euro. Und dann die leidige Klofrage! Laufe ganze Tage mit einem Minifläschchen Sebamed und Zahnputzzeugs rum, falls doch mal irgendwo ein Waschbecken sein sollte.

Freue mich auf Slayer. Der Sänger brüllt martialisch, ist aber sehr sympathisch. Direkt über Slayer kämpfen ein Tief und ein Hoch gegeneinander. Ich halte zu Slayer, die es schaffen, so böse zu tun, dass sich die tiefschwarzen Regenwolken vorerst verziehen. Auch Alec Empire, der auf dem Pressegelände noch wie der nette Zeitungsjunge von nebenan aussieht, gibt sich arg Mühe, krachig und gemein rüberzukommen. Was für ein Aufwand! Am Schluss seines Gigs liegt Herr Empire wie tot auf der Bühne. Die überall anwesende Crowd-Security kann ihn nicht retten, die ist für uns zuständig. Und für das Funktionieren ihrer neuen Ampelanlage, mit der der Zugang zum vorderen Bereich vor der Bühne geregelt wird.

Seit den neun Toten vor zwei Jahren herrscht Nervosität. Das Publikum ist zahmer als früher, gerempelt wird kaum noch. Das Tief pirscht sich näher heran, ich radle zum Ballroom, wo das Orchestra Baobab aus dem Senegal spielt. Dann endlich ein Wolkenbruch, die Red Hot Chili Peppers sind nicht jung und hart genug, das Tief hat leichtes Spiel. Das Publikum wird pitschnass. Ich verstecke mich im Ballroom. Um 1 Uhr Pet Shop Boys, die klangen schon frischer. Mein Schlafsack ist feucht, ich verfluche Roskilde und die Zelterei. ” A.B.

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Die schwedischen “Maggots” haben heute Mittag definitiv einen kleinen Beau-Bridges-Ähnlichkeitswettbewerb gewonnen: neben den Normannen an Bass und Gitarre haben sie einen mopsigen Shouter in 60er-Beatpunk-Kluft und Rasseln in der Hand, der immer “Oooohhhoooohhhooohhh!” macht und so reizend tuntig seinen voluminösen Hintern schwenkt, dass es aussieht, als habe Magnums Vermieter Higgins gerade sein Coming-out. Ansonsten brettern sie Garage und holen bei “Cat Fight” drei Faster-Pussycat-Wuchtbrummen auf die Bühne. Die stellen sich artig um ein Mikrofon herum, aber anstatt etwa “Meaooooow!” zu singen, besteht ihr Chor aus wildem Kopfstimmen-Gekreische. Vor Lachen fällt mir meine Poelse mit Broed in den Matsch. Schweden, das ist ein Land! Da spielen Faggots bei den Maggots und klingen dabei wie die Fuzztones, die Sonics und die Nomads zusammen. Später machen im selben Set noch mal die schwarz gefärbten (und darum lustig herausgewachsenen) International Noise Conspiracy allen klar, wie man Punk buchstabiert: Poenk.

Nebenan im gelben Zelt will derweil Danko Jones, der bestgekleidetste Hardrockgitarrist und -sänger der Welt, es (genau wie letztes Jahr) mit allen Frauen des Festivals auf einmal machen und streckt uns schon mal prophylaktisch seine Zunge entgegen. Dann mäht er uns gnadenlos mit knochenhartem Sound nieder. Für den bräuchte man bestimmt ein Texel 12. Genau wie für die “Bollywood Brass Band” aus London, Indien-Filmmusiker in Pumphosen, die zu zehnt in der Fressecke des Geländes auftreten. Zwar spielt nur ein echt aussehender Inder mit, aber obwohl der Rest einen Notting-Hill-Sozialpädagogen-Eindruck macht, ist es lustig, den drei Trommeln und sieben BläserInnen zuzuhören, die die größten Hits aus indischen Erfolgsfilmen tröten und quäken. Solche Bands nerven bei indischen Hochzeiten ab acht Uhr morgens die gesamte Straße. Na und, immerhin ist es keine deutsche Samba-Trommel-Truppe!

Bei den (vor allem nach Alec Empire) müde klingenden Television klatscht nur noch ein harter Kern, ich übrigens auch, Marquee Moon ist schließlich Spitze. Doch was damals charmant war, das tonal schwankende Hin-und Her-Gesinge, die Velvet-Underground-Gitarren, kommt heute wie eine ausgeleierte Alte-Herren-Veranstaltung daher. Ich lass mich lieber in Alabama zuregnen und spiele, unterstützt vom Hauptsponsor Tuborg, “den durstigen Mann”. “J.Z.
Samstag
Schon wieder Sonne, ist doch super in Roskilde. Der Fotograf weigert sich, mehr als zwei Löffel Espresso in die Kanne zu tun. Elender Geizhals. In Roskilde-Stadt kaufen die Kids weiter Bierkästen, ein Supermarkt wird wegen Überfüllung gesperrt. Fahre runter zum See, zum Vikingeskibsmuseet. Aus Baumstämmen werden hier alte Kähne nachgebaut. Heute haben sich vier Besucher in Schwimmwesten in ein schweres Holzboot gesetzt und rudern gegen den Wind an. Sie kommen kaum voran, hissen dann einen alten Jutesack als Segel. Muss schnell zu Notwist. Ein Superkonzert, die Bayern improvisieren viel und hauen richtig rein. Dann die simplen 4Lyn und Manowar, absurder Langhaarledertypenblödsinn. Warten auf Aimee Mann und New Order. Erst mal ein Oksensandwich. Bin leider zu müde für Yeah Yeah Yeahs um 2.30 Uhr. A.B.

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Heute hat dann ein wirklich alter Herr sich noch mal aus dem Popgrab erhoben, es war, ich mags kaum zugeben, Arthur Lee, der Sänger von “Love”. Er sieht zwar aus wie ein sich zum Sterben bereit machender Navajo, aber wenn man den Hut und die Leoparden-Krempe und die bis zu den Knöcheln enge Hose mal vergisst, klingt er so, dass mir stante pede ein Flower-Power- Minikleid wächst, samt weißer Stiefel. Kann ja sein, dass der Mann die Siebziger mit der Nase tief im Acid verbracht hat, jetzt ist er jedenfalls wieder da und macht mit seiner jungen Band hervorragenden Psychedelic-Sound mit Hippietexten (“She comes in colours”) und allem Pipapo, sogar echten Streichern und Bläsern, arrangiert, als ob Sir George Martin persönlich sich an Tom Jones vergreift. Da kam auch gleich Frau Sonne über den Himmel gewackelt. Und brachte mich gut drauf bis zur in Fell und Strohhut und Perücke gehüllten Erykha Badu-Badu-Badu, die vor allem die kleinen Ethnofan- Mädchen verzaubert mit ihrer jazzigen “Dove-Silk”-Bodylotion-Stimme. Als Kontrastprogramm hüpfe ich eine halbe Stunde bei den von der orangen Bühne feuernden Primal Scream und gehe um halb drei nachts noch brav zu den Yeah Yeah Yeahs. Wieder toller Punk, in die Welt geschrien von einer jungen New Yorkerin mit Blondie-Stimme. “J.Z.
Sonntag
Nachts wieder Regen, morgens Sonne. Auf dem Gelände die softe 50-Plus-Generation, die Sonntags freien Eintritt hat. Die Atmosphäre ist superlocker. Gummistiefel und Pullover fallen. Hole Kaffee und frisch gebackenen Kuchen. Nur noch tolle Sachen heute: And you will know us by the trail of dead sind Klasse. Und dann auch noch Seeed im Ballroom. Singe laut “Dickes B” mit, um den Skandis mal zu zeigen, was wahre Kiezliebe ist. Der alte Bartzausel Steve Earle auf der Orangen passt danach nicht so recht in die Stimmung, also rüber zu den White Stripes. Das ist jetzt genau das Richtige. Das Geschwisterduo ist grandios, ich tanze zu jedem Song, sogar zum Bob-Dylan-Cover “Isis”. Dann Garbage, die Kylie M. covern und veräppeln. Beim Schlusskonzert von Roskilde 02 ist Travis-Chef Fran Healy begeistert, dass hier fast 100.000 Leute ein Non-Profit-Festival zusammen feiern: “Überall predigen sie Individualität und Einzelkämpfertum. Hier macht ihr was zusammen, das ist einmalig.” Healy beschwört den Roskilde-Spirit und ich weiß: Roskilde 2003 bin ich wieder dabei. Werde mir aber ein regendichtes Zelt kaufen. A.B.

***

In Sachen Alabama 2 gibt es Neues: Vorhin hat mir eine kleine, dunkelhaarige Dänin ihren Namen (“Sila”) mit Edding auf die Hand gemalt und behauptet, damit sei ich jetzt Sektenmitglied in der Sila-Sekte und dürfte, wann immer ich auf andere Mitglieder träfe, sofort mit denen machen, was ich wolle: Reden, Drogen, Sex. Habe aber noch keinE getroffen, Dänen lügen doch nicht?! Dafür hat mich kurz danach irgendjemand auf den Hintern geklapst, und als ich mich umdrehte, hielt ein kleiner, zotteliger Fünf-Promille-Wikinger einen Pingpong-Schläger mit “I love U!” hoch. Das muss ne andere Sekte sein. Ich gucke mir heute jedenfalls nur noch das WM-Finale und Berlins einzige lokalpatriotisch verfechtbare Dancehall-Band Seeed an, um mich auf Deutschland einzustimmen. Hilft ja alles nichts, muss nach dickes B, home an der Spree. Hoffentlich hab ich bis zum nächsten Mal alles vergessen und will wiederkommen … ach nee, geht nicht! Hab ja Tagebuch geschrieben. Mist. “J.Z.

Quelle: taz Nr. 6790 vom 3.7.2002, Seite 15, 364 Zeilen (TAZ-Bericht), ANDREAS BECKER / JENNI ZYLKA

 

Presseberichte 1995

Wikingers Woodstock
Roskilde – Das etwas andere Festival

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Bob Dylan und Michael Stipe begegnen sich zufällig in einer Hotel-Lobby von Venedig. R.E.M. haben gerade ihren Auftritt in einem kleinen Ort an der Nordwestküste von Dänemark bestätigt, und Stipe will wissen: “What’s this Roskilde-thing like?” Dylan, bereits mehrere Male dort aufgetreten, antwortet dem Sänger väterlich: “I’ll give you some advice, son: Leave your primadonna attitudes at home.”

Dieses Festival, lerne ich noch vor der Abreise, ist nicht wie jedes Festival. Wer mal in Roskilde war, der schwärmt vom Garten Eden der Rock-Events. Aus aller Welt kämen die Menschen herbei. Nirgendwo seien so viele gute Musiker zu sehen, die Däninnen seien berückend, die friedliche Atmosphäre sei berühmt,  das Bier billiger als in jeder Kneipe. Denn, so wird betont, dieses Festival arbeite auf Non-Profit-Basis. Gewinne werden an Naturschützer, Friedensstifter und Wohlfahrtsverbände verteilt. “Roskilde”, sagt mein Chefredakteur feierlich zu mir, dem Novizen, “ist eine ganz eigene Welt.”
Der Zutritt in diese Welt wird mir an Tor 3 zunächst von einem Polizisten verweigert. Hier müßte ich – laut Info-Brief der Organisatoren – Stellplatz sowie Akkreditierung erhalten. Doch die Parkfläche ist voll, der Beamte stur. Zurück in die Ka-rawane, die sich bis zur Hauptstraße staut, obwohl die meisten Pilger bereits eingetroffen sind. Wie in einem Flüchtlingslager stehen Zelte, Autos und Wohnmobile zusammen. Es ist heiß, Halbnackte lümmeln sich im Gras, trinken  ihr drittes Dosenbier und johlen den Neuankömmlingen zu. 90 000 Menschen werden für vier Tage erwartet. So viele Eintrittskarten wurden in den Vorverkauf gegeben, alle sind weg. Hinzu kommen 2 000 Journalisten, Abgesandte von Plattenfirmen, 14 000 Ordner und 158 Bands. Im Info-Brief Nr. 2/95 haben die Veranstalter penibel ihre Superlative aufgelistet: 100 Abfallcontainer, 400 Wasserhähne, 600 Müllbehälter, 190 Duschen, 834 Toiletten, ein Kino und ein Kinderhort auf 130 Hektar – aber nir- gends mehr ein Parkplatz.

Dabei wurde dieses Jahr in jeder Hinsicht aufgestockt, das Gelände erweitert, die Besu-cherzahl limitiert — eine Lehre aus den vergangenen Jahren, als fast 100 000 Festivalgänger alle Pläne über den Haufen warfen. “Mehr sind nicht unter Kontrolle zu halten”, sagt Leif Skow, der Herr über Roskilde. “Wir wollen nicht weiter wachsen, sondern Qualität sowie Charakter erhalten, um unser Publikum mit guten Erfahrungen nach Hause zu schicken. Die meisten Veranstalter denken anders. Wir jedoch werden länger bestehen.” Immerhin feiert Roskilde nun sein 25jähriges Jubiläum, und von rund 25 Millionen Mark Gewinn wurden etwa 20 Millionen allein in den letzten vier Jahren erwirtschaftet. Davon haben die Investoren, die 1971 das erste Festival organisierten und die Rechte ein Jahr später an den Verein Roskildefonden abtraten, nur träumen dürfen.

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Diese begannen mit einer Bühne, inspiriert von amerikanischen Festivals wie Monterey oder Newport. Und natürlich Woodstock. Wo immer sich Musiker und Fans Open air hinhocken, spukt der bis heute glorifizierte Geist jenes Hippie-Happenings über dem Platz. Sammy Hagar, Sänger von Van Halen, heischt  bewußt nach der Gunst des Publikums: “Wenn Woodstock irgendwo weiterlebt, dann hier.” Dafür erhält die Band die ersten Ovationen des Nachmittags – und ihre letzten. Denn Rockmusik ist – erst recht die von Van Halen – längst kein Ereignis mehr. Und auf Festivals hat sie einen dröhnenden Nebeneffekt, ist sie Anlaß für einen Ausbruch aus dem Alltag in eine scheinbare Freiheit und Spontaneität. Hier funktioniert noch jener Schulterschluß von Rebellion, Romantik und Rock’n'Roll, den so viele beschwören. Es ist Friede, Freude, Fegefeuer.

Wer es wagt, durch einen der drei Eingänge das Areal vor der Orange-Stage zu betreten, landet in einem Ameisenhaufen. Das Gewusel auf dem größten Platz des Festivals gemahnt aufdringlich an Goldgräberstädte oder mittelalterliche Märkte. Die Futterbuden und Trinktheken sind sinnig als Western-Kulisse angelegt, Bratgestank und alkoholisierter Atem schwängern die Luft. Übers Jahr wird das Gelände für Viehauktionen genutzt, nun können bis zu 60 000 Menschen ihren Herdentrieb ausleben. Der Rock-Professor Greil Marcus muß an solchen Stätten seine Feldstudien betrieben haben. Jene heidnischen Tänze, die er “unser aller jungindianisches Erbe” nennt, gelten vor allem für Freiluft-Festivals. Vor der Bühne wirbeln Pogo-Tänzer Staub auf, hinten fassen sich die Fans an den Händen und taumeln im Kreis. Wen Bierrausch oder Beschallung ermüdet hat, sackt instinktiv ins plattgestampfte Gras.
Der Stumpfsinn ist sympathisch, die Zügellosigkeit bleibt geduldet. Nur eine Prügelei wird gemeldet. Selbst die Wartereihen vor den Klohütten entnerven die Enthusiasten nicht. Woodstock aber ist weit und war spontane Anarchie. Heute sind Open airs kontrolliertes Chaos.

Die Besonderheit an Roskilde ist die gefächerte Gigantomanie. Acht Bühnen sind weiträumig übers Gelände verteilt. Wer von allem etwas mitbekommen will, begibt sich auf eine Wanderschaft zwischen Welten. Am äußersten Rande befindet sich die Red-Stage, zumindest an den ersten zwei Tagen ein Hort der Exi-stentialisten. PJ Harvey brüllt und flüstert ihre Seelenlyrik, und der in-trovertierte Jeff Buckley verzerrt sto-isch seine Riffs und fährt am Schluß mit “Dream Brother” zum Himmel. Nebenan steht die Yellow-Stage für   Acts wie The Boredoms, Weezer, Belly, Grant McLennan und Urge Overkill. Im Deeday-Bereich werfen Massive Attack, Tricky und DJs wie Paul Oakenfold ihre Sound-Systems an. Die World-Bühne ist Jazz und HipHop vorbehalten. Die Blue-Stage bietet das langweiligste, das Kabarett-Zelt das unterhaltsamste Programm. 

Den heftigsten Ansturm des Publikums muß – neben der Hauptbühne – die Green-Stage verkraften. Als Sinead O’Connor, Offspring, The Cranberries und Oasis nacheinan- der auftreten, reicht der Raum unter dem offenen Zeltdach nicht aus. Viele drängeln und irren umher. Wer dabei seine Begleiter verliert, der kann am Fundbüro eine Nachricht an die Holzwand pinnen.

Findige Cliquen haben ihr Stammeszeichen, das über alle Köpfe hinweg zu sehen ist. Zahllose Fahnen und Wimpel flattern in der Brise. Die Embleme sind so skurril wie simpel: Nationalflaggen, Totenköpfe, Bierkrüge, Wappen, Fü- ße, Smilys und Mäuse. Andere haben Schlüpfer und Kondome an Stangen gehängt. Ein Anblick, als marschierten römische Kohorten mit ihren Standarten ins Gefecht.

Die erste Schlacht beginnt in der Nacht des Eröffnungstages. Aus allen Richtungen strömen Fans zur orangenen Bühne, als gelte es eine Burg zu erstürmen. Über der Menge ragen zwei Lautsprecher-Obelisken wie Wachtürme, und bereits von weitem ist das Intro-Riff von “What’s The Frequen- cy, Kenneth?” zu hören. Hier sind R.E.M. die Superstars, ihnen wurde der attraktive Auftritt in der Dämmerung einge-räumt. Sie spielen gelassen auf, so- gar die “Monster”-Stücke klingen be-sinnlich. Nur Stipe ist unnahbar wie eine autistische Diva. Es folgt “Man On The Moon”, Stipe wankt wie betrunken und verhaspelt sich nervös vor “Losing My Religion”, indem er “Shiny Happy People” ankündigt. Als Zugabe “Everybody Hurts”. Der Schmerz kommt in der Nacht nach The Cure, deren hypnotische Musik mit aufziehendem Gewitterleuchten eine apokalyptische Atmo-sphäre eingeht. Die Baßsalven von D.A.D. knallen bis drei Uhr spät, dann wird ein Feuerwerk gezündet.  
Am Morgen herrscht Katerstimmung, und nur langsam füllt sich das Media-Village. Hier ist’s wie auf einer Gartenparty,  und während die Plebejer vor den Pforten Kebab essen müssen, können die Privilegierten Roastbeef im Restaurant speisen. Wie bei Grand-Slam-Turnieren gilt auch in Roskilde ein kapitalistischer Konsens. Die Helfer sind freiwillig dabei, werden aber von Jugend- und Sportverbänden entlohnt. 
Gratis spielen auch die Musiker nicht. “Priester legen ja auch keinen lohnfreien Tag ein”, sagt Skow. “Wir lehnen viele Gruppen ab, die umsonst spielen wollen. Es ist keine Frage des Geldes, sondern der Qualität.” Der Ex-Lehrer organisiert das Festival seit 24 Jahren, mittlerweile mit fünf Sekretärinnen, und spricht in einleuchtenden Metaphern: “Die Künstler sind wie der Sprit fürs Au-to. Der muß halt bezahlt werden.”
Roskilde rollt. Manager und Plattenfirmen offerieren ihre Bands en masse. Skow sortiert eisern aus, selten muß er bitten. Rod Stewart und Bon Jovi hatten keine Chance. “Zu poppig für uns”, so Skow kühl. Das Programm ist aktuell, berücksichtigt ´Rückkehrer wie Paul Weller oder Dick Dale. Nur um zu zeigen, daß Roskilde keine Hölle pubertärer Auswüchse ist, erhalten am letzten Tag Leute über 50 freien Eintritt.
Wer so alt ist und noch Popmusik spielt, muß die Glaubwürdigkeit eines Elvis Costello haben, der mit den Jazz Passengers feat. Debbie Harry, dem Brodsky Quartet und den Attractions das Roskilde-Special bestreitet. Oder er muß Dylan sein, der besser groovt als Soul Asylum. Roskilde erweist sich als Ort der Zitate und Bekenntnisse. Page & Plant erhalten den meisten Applaus für ihr Doors-Cover “Light My Fire”. Sinead O’Connor trägt wieder Haare und singt Kurt Cobains “All Apolgies”. Offspring spielen die ersten Takte des Green Day-Hits “Basket Case”. Als das Publikum tobt, stoppt die Band, und Sänger Dexter Holland höhnt: “Is this not fucking wonderful!?” Auch Leif Skow wird kurz sentimental, zitiert Neil Young: “Rock’n'Roll will never die.”
Für Rockfans gilt dieses nicht immer. Ein Betrunkener starb auf der angrenzenden Autobahn. This, my friend, is the end.

Quelle: Von Oliver Hüttmann / Erschienen im deutschen ROLLING STONE Ausgabe 8/1995

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Photo: Leif Skov und Oliver Hüttmann
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des RS Magazine

Presseberichte 1977

Roskilde ’77
Machen wir’s den Dänen nach!

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Als ich Sonntagabend müde, leicht verkatert aber happy von Roskilde zurückkam, hab’ ich – da’s am Wege liegt – bei Teja Station gemacht und ihm natürlich gleich die Ohren vollgesungen wie gut es auch dieses Jahr wieder war, wie toll Gnags gespielt haben, wie mörderisch Bifrost abgeräumt haben usw. usw.

Und dann haben wir noch ein Stündchen geklönt und uns gefragt, warum denn in drei Teufels Namen die dänischen Bands so viel besser sind – und glaubt mir, sie sind’s! – als fast alles aus unserem Lande. Bis Teja plötzlich den berühmten Nagel auf den Kopf traf und meinte: „Ich glaube, dass die Dänen und Schweden es einfacher haben als unsere Gruppen, da sie nicht diese kulturelle Bürde mit sich rumzuschleppen haben. Bei denen hat die Musik weniger mit Kunst zu tun, die haben viel weniger Respekt vor solchen Dingen als wir. Die lassen sich gehen und machen’s halt.“

Genau, mein Freund! Das isses! Aber nicht nur die Musiker lassen sich gehen, auch die vor der Bühne tun’s. die sehen in einem Rock-Konzert viel weniger als wir die Pflicht, jetzt reserviert zu lauschen, als die Möglichkeit nu’ mal einen loszumachen. Zu tanzen. Auszuflippen.

Und da sie – die Musiker und das Publikum – von dieser Möglichkeit reichlich Gebrauch machten, wurde es wie schon in den Jahren vorher ein Festival (mit Betonung auf „Fest“!), von dem wir hier nur träumen können. Freitag – wir waren schon gegen eins in Roskilde – goß es wie aus Eimern, und als die Hvalsospillemaendene (fast) pünktlich gegen 17 Uhr anfingen, das machte der Boden vor der großen Bühne bei jedem Schritt Geräusche wie „Pffft“ und „mmmpf“. In das sog. „Rytmetelt“, in dem Gruppen aus der zweiten skandinavischen Liga spielten, konnte man nur noch mit viel Balance hineinschliddern. Aber, gestört hat das niemanden: Das Programm ging Schlag auf Schlag weiter, und des Volkes Jubelschrei konnte auch den in rhythmischen Abständen einsetzenden Platzregen nicht dämpfen.

Der Knüller des Freitagabend waren ohne Zweifel Bifrost, die‚ 76 Dänemarks meistverkaufte Debüt-LP einspielten. Die siebenköpfige Band, die anfangs durch ihre Sängerin Annapurna stark an Renaissance erinnerte, rockte sich im Laufe ihres anderthalbstündigen Sets in einen derartigen Spielrausch, dass sie an diesem Abend Jefferson Airplane (oder Starship) von der Bühne geblasen hätte. Kein Wunder, dass der Headliner des Tages, John Miles aus England, nach dem Auftritt von Bifrost nur noch wie ein trauriger Pop-Kasper wirkte. Zu den kraftvollen Klängen der französischen Band Ange, die den armen Mr. Miles er- und ablösten, bin ich dann zu Bett gegangen.

Am nächsten Tag war das Wetter schon viel besser, das Festival-Gelände auch wieder halbwegs trocken und die Situation, was die Musik betrifft, ähnlich der vom Vortage. Nach zwei  ausgezeichneten Jazz-Gruppen zogen Gnags, Culpeper und die C.V. Jorgensen Band alle Register. Gnags hatte ihren alten Gitarristen Per Frost wieder dabei, einen zweiten Mann an den Drums und spielten mit ihren drei Gitarren die schönsten und frei fließendsten Melodien diesseits der Westcoast. Culpeper, mittlerweile schon fast betagt zu nennende Herren, legten mit ihrem großen Arsenal handgefertigter Gitarren (samt einer Pedal-Steel) mit einem Country-rock hin, der selbst alteingesessenen Bürgern von Nashville die Tränen in die Augen getrieben hätten. Und die C.V. Jorgensen (mit ‚nem Schrägstrich durchs „o“) Band, die auf ihrem Debüt-Album STORBYENS SMA OASER wie folgt tiefstapelten: „Vi er et ganske lille Band. Med ganske lille gear“ („Wie sind ‚ne ganz kleine Band. Mit ganz wenig Equipment“) nun, die vier Musiker – zwei Gitarren, Baß und Drums – waren von den vielen ganz kleinen Bands, die ich gehört habe, zweifellos die allergrößten! Mit ihrem rockigen Gitarren-Jams verlegten auch diese vier Dänen die Westcoast für anderthalb Stunden nach Roskilde/Dänemark.

Was man von dem abgewichsten Hard- und was-weiß-ich-noch-was-Rock der Herren Gillan und Jack Bruce, die sich anschließend in Supertarpos die Ehre gaben, selbst mit zugekniffenen Hühneraugen nicht behaupten konnte. Da ging so gut wie nichts los, nicht im Publikum und schon gar nicht auf der Bühne. – Alte Knacker, die sich scheinbar immer noch als frenetisch umjubelte Rock-Götter sehen und nichts weiter zu bieten haben, als ihr verschissenes kleines Ego. – Who needs them???

Zur Ehrenrettung des Briten-Kontingents muß aber gesagt werden, das der gute alte Dr. Feelgood zu später Stunde noch einen Augen- und Ohrenschmaus bot, der für das Bruce- und Gillan-Gestümpere vollends entschädigte. Bob Mayo, der neue Gitarrist, den vor ein paar Wochen noch niemand kannte, ist tatsächlich so gut wie ihn die britische Rockpresse schilderte und machte den armen Wilko tatsächlich vergessen. Nur ‚n bisschen lauter hätte er noch spielen können; ansonsten aber: great gig!
Doch kommen wir noch zum Sonntag, der (schon fast traditionsgemäß) besinnlich begann. Ein schwedischer Chor mit guter Backing-Band lockte das volk so gegen 10 Uhr aus Zelten und Schlafsäcken, anderthalb Stunden später legte auf der großen Bühne eine Volkstanzgruppe los, und auf dem großen Platz davor machten rund zwei Hundertschaften Freaks begeistert mit. Anschließend ging es zwanglos über zum je-ka-mi- (jeder kann mitmachen) Teil des Programms d.h., es kamen der eine oder andere Folknick samt Klampfe auf die Bühne und unterhielt das Volk mit Selbstverfasstem und Altbekannten. Dass sich diese teilweise lustigen Darbietungen zuguterletzt etwas in die Länge zogen lag daran, dass die Roadies von Buki Yamaz, der Gruppe, die nun eigentlich dran sein sollte, verpennt hatten und noch samt Anlage in Kopenhagen weilten. Doch kurze Zeit später als vorgesehen waren dann auch Anlage und Buki Yamaz auf der Bühne, und nun präsentierte sich eine dänische Band, die ihren perfekten Jazz-Rock-Set gekonnt mit latainamerikanischen Beigaben zu würzen verstand.

Erspart mir, dass ich all das wiederkäue, was ich letztes Jahr (SOUNDS 8/76) über Organisation und Finanzen schrieb, doch gestattet mir ein kurzes Resümee: Da das Roskilde-Festival ein von der Kommune organisiertes non-profit-Unternehmen ist, entbehrt man hier auch des Gefühls, mal wieder ausgeplündert und angeschissen worden zu sein (das bei uns leider immer noch viele nicht missen mögen) völlig! Da über fünfhundert Helfer rund um die Uhr auf den Beinen sind, ist die Organisation dieses Festes in jeder Beziehung perfekt zu nennen! Da alle (!) skandinavischen Gruppen in ihrer Muttersprache singen, werden sie und ihre message auch vom Publikum verstanden; es findet tatsächlich Kommunikation statt, ein Erlebnis, das einem hierzulande so gut wie nie widerfährt!

PS: Dieses Jahr wird es erstmalig einen Film und eine Platte (Doppel-LP) über das Festival geben. Die über zehntausend Meter Film, die während der drei Tage gedreht wurden, tragen den Arbeitstitel „Roadie – Roskilde ‚77’“ und zeigen den Gang der Dinge vor, hinter und auf der Bühne aus der Sicht dreier Roadies.

Die Produktion der Platte übernahm Freddy Hansen, Dänemarks Top-Produzent. Die Live-Doppel-LP soll für 59,90 Kronen, den Preis, den Dänen für eine einzelne LP löhnen, in die Läden gehen. Aber bitte spart Euch Telefon- und Portokosten, um von mir zu erfahren, wann und wo es sie geben wird. Sobald ich es weiß, werde ich es lauthals verkünden.

Quelle: SOUNDS – Ausgabe August 1977
Autor: Jörg Gülden

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